DDR-Fluchthilfe vom Speichersdorfer Flugplatz aus


Diese Aufnahme dokumentiert recht unspektakulär den Beginn einer lebensgefährlichen Fluchthilfe per Hubschrauber, das Foto entstand am 4. April 1980 auf dem Flugplatz Speichersdorf. Der Jet-Ranger startete Richtung Cheb, um dort auf einem Hochplateu vier DDR-Bürger abzuholen und sie in den Westen zu bringen.
 

"Wie ein Habicht stieß der Hubschrauber runter"

Hans Vogtmann aus Creußen organisierte Fluchthilfe für DDR-Bürger - Flüge starteten in Speichersdorf und Bindlach - Stasi sammelte 1800 Seiten.



Redakteur Peter Engelbrecht, RNT

Millionen Zuschauer sahen vor kurzem den Fernsehfilm "Der Tunnel". Die Tunnelbauer riskierten vor 40 Jahren in Berlin ihr Leben und ihre Freiheit, um anderen zur Flucht aus der DDR zu verhelfen. Auch in Oberfranken gab es spektakuläre Fluchthilfe-Aktionen, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß. Rückblende. Der Karfreitag 1980 war kalt und regnerisch, vier Grad Celsius zeigte das Thermometer an jenem tristen 4. April. Doch Hans Vogtmann kam mächtig ins Schwitzen. Er rauchte eine Marlboro nach der anderen, arbeitete präzise wie ein Uhrwerk - es ging um Leben oder Tod von sechs Menschen. 

Mehr als 20 Jahre schwieg der Creußener Heizungsbaumeister und Hobbyflieger über seinen gefährlichen Job als Fluchthelfer. Der heute 58-Jährige hatte durch seine Ämter im internationalen Flugverband und seine Freundschaft mit dem mehrfachen Speichersdorfer Kunstflugweltmeister Manfred Strößenreuther zahlreiche Verbindungen zu Sportfreunden im Ostblock. Etwa zu Hans B. aus Ostberlin, der Strößenreuther 1978 vertraulich um Hilfe bat. Der Diplom-Mathematiker und Computer-Spezialist wollte mit seiner Familie aus der DDR fliehen. "Er war sehr sympathisch. Wir sind Freunde geworden und haben ihm versprochen, dass wir ihm helfen werden", erinnert sich Vogtmann heute.

Verrat konnte tödlich sein

Die Aktion lief geräuschlos, der Kreis der Eingeweihten musste klein bleiben - Verrat konnte tödlich sein. An Fasching 1979 traf er sich mit Hans B. in einem unscheinbaren Wochenendhäuschen am Müggelsee am Rande von Ostberlin. Dort fiel die Entscheidung: "Wir holen dich raus. Und zwar mit einem Hubschrauber, weil der am wendigsten ist." Wir, das war eine Fliegerclique aus Speichersdorf um Strößenreuther. Doch Hans B. zögerte, "das kostet doch ein Schweinegeld"? Der Helfer erwiderte, man werde die 45 000 Mark teure Flucht als zinsloses Darlehen vorfinanzieren. Wenn der Freund dann im Westen Geld verdient, könne er den Kredit zurückzahlen. 

Vogtmann, ein Machertyp, fuhr wenig später als Tourist in die CSSR und suchte unauffällig einen Landeplatz. Das Areal sollte für den Piloten sofort zu finden und möglichst nahe an der Grenze, für die östlichen Sicherheitskräfte aber schwer zugänglich sein. Er fand ein Hochplateau nahe Cheb (Eger). Doch welcher Pilot würde Kopf und Kragen riskieren? Schon Jahre zuvor waren Schüsse auf einen West-Hubschrauber gefallen, der Leute rausholen wollte. Die Suche führte schließlich ins ferne Amerika. Der US-Kunstflieger und pensionierte Luftwaffenoberst Jim Hill war zu diesem Himmelfahrtskommando bereit. Vogtmann besuchte ihn zur Jahreswende 1979/80 in Fort Worth, zeigte ihm Wanderkarten und Aufnahmen des Landeplatzes. Haudegen Jim Hill reiste kurz vor dem Osterfest 1980 nach Deutschland. "Wir haben nur einen Schuss", war Vogtmann klar, der erste Versuch musste klappen.

Die Vorbereitungen liefen unaufhaltsam. Freunde schmuggelten ein Funkgerät nach Mariánské Lázne (Marienbad), wo Hans B. inzwischen eingetroffen war. Das zweite hatte der Creußener, der Kontakt zu Hans B. und dem Piloten hielt. Sollte sich auf dem Landeplatz etwas Gefährliches tun, hätte Jim Hill rechtzeitig gewarnt werden können. Einen Hubschrauber zu mieten war schwierig - ein Wert von zwei Millionen Mark kein Pappenstiel. Im "Stabsgebäude" - Vogtmanns Haus in Creußen - trafen sich Jim Hill und die Helfer am 4. April 1980 zur letzten Besprechung. Der Jet-Ranger wartete startbereit in Speichersdorf. Tiefe Wolken und Schneeschauer luden nicht gerade zum Feiertagsausflug ein, doch die Sicht war relativ gut. Auf dem Co-Piloten-Sitz saß Chipper Melton, ein amerikanischer Kunstflieger, der aus purem Nervenkitzel dabei sein wollte. Vogtmann, der die Flugstrecke bis zur Grenze im Auto überprüfte, erhielt von Hans B. über Funk die Meldung "Gustav I an Gustav II - alles in Ordnung" und gab den Spruch per Autotelefon weiter. 

Abfangjäger kamen zu spät

Das war das Startsignal. Der feuerrote Jet-Ranger schwebte elegant Richtung Osten davon, erreichte schnell 800 bis 900 Meter Flughöhe. Nun gab es kein Zurück mehr. Knapp unter der Wolkendecke knatterte die Maschine unter Vollgas rein in die CSSR, hoch genug, um nicht von einer Kalaschnikow-Salve erreicht zu werden. "Wie ein Habicht stieß der Hubschrauber runter auf die Wiese", schildert Vogtmann heute den Husarenritt stolz. Hans B., seine Ehefrau und die beiden Mädchen (acht und 13 Jahre) krabbelten hektisch in die enge Maschine. Nach ein paar Sekunden schoss der Jet-Ranger wieder hoch in die Wolken gen Westen, die glückliche Landung in Speichersdorf war Formsache. Die ganze Aktion in der CSSR dauerte genau vier Minuten und 25 Sekunden. Eine viertel Stunde später wurden im Egerteich feindliche Abfangjäger gesichtet.

In Creußen knallten die Sektkorken, doch Geheimhaltung war oberste Pflicht. Geräuschlos verschwand der US-Pilot in seiner Heimat. In der DDR begann unterdessen die Wühlarbeit der Staatssicherheit, die wenig später die erste Akte über den Fluchthelfer anlegte. Aus dem biederen Handwerksmeister war plötzlich ein gefährlicher "Hubschrauberschleuser" geworden, er zählte zu den "feindlichen Kräften aus dem kapitalistischen Ausland".

Im Westen schlief die Sache wieder ein. Fast drei Jahre später, Anfang 1983, tauchten plötzlich zwei Männer in Vogtmanns Büro auf. Sie hätten von der Fluchtaktion gehört, sagten sie harmlos, und wollten mit ihm darüber reden. Es war der legendäre DDR-Ballonflüchtling Hans-Peter Strelzyk und ein Bekannter aus Hamburg. "Ich organisiere nur den Piloten und den Hubschrauber", erwiderte Idealist Vogtmann, "verlange selbst keinen Pfennig dafür." Erneut ließ er sich breitschlagen, spähte per Fernglas von oberfränkischer Seite aus eine Wiese bei As (Asch) als Landeplatz aus. Diesmal flog ein deutscher Hubschrauberpilot, er holte am 7. Mai 1983 nach gleichem Muster ein junges DDR-Paar raus: Einen Glasermeister und seine schwangere Ehefrau aus der Nähe von Magdeburg. Die wendige Aluette startete vom Flugplatz Bayreuth-Bindlach gen Osten, raste diesmal in Baumwipfelhöhe unter dem Radar rein und raus. Der deutschen Polizei gelang es später, die Identität des Piloten festzustellen. Er verlor wegen "Eindringens in die Flugüberwachungszone" den Flugschein.

Vogtmann ging nie an die Öffentlichkeit, obwohl er die Storys sicherlich für viel Geld hätte verkaufen können. "Wir wollten das in den Medien nicht vermarkten, weil wir auch anderen eine Chance geben wollten, diesen Weg zu wählen." Er unterstützte diese riskanten Aktionen, um der DDR-Führung "eins auszuwischen", wie er heute sagt. Aber auch der Reiz des Abenteuers spielte eine Rolle. "Natürlich hatte ich Angst, ich trug ja die Verantwortung für die Flüchtlinge und den Piloten", räumt er offen ein. Nach dem zweiten Coup kam niemand mehr zu ihm, und so verlief die Fluchthilfe im Sande. Doch die Stasi sammelte besessen Akte um Akte. Insgesamt kamen im Laufe der Jahre 1800 Seiten (!) über ihn zusammen. Die liegen heute in der Gauck-Behörde in Berlin und strotzen nur so von Fehleinschätzungen und Lächerlichkeiten. So sahen die Agenten aus der DDR im verschlafenen Flugplatz Speichersdorf einen bedrohlichen "Feindstützpunkt", in Vogtmann einen gefährlichen "Geheimdienstmann" und einen "ernst zu nehmenden Gegner". Der Betroffene: "Die haben Schrott geschrieben, von der Qualität bin ich enttäuscht." Die Stasi glaubte so sehr an seine Gefährlichkeit, dass sie ihn am 30. September 1986 zur Fahndung ausschrieb. Auch im Computer des russischen KGB landete der Handwerksmeister - Einreiseverbot in die Sowjetunion. Selbst der ungarische Geheimdienst schnüffelte mit. Die Stasi nannte die Speichersdorfer Clique eine "gefährliche Menschenhändlerbande". Dabei waren es Idealisten, die anderen helfen wollten. 

Spitzel waren überall

Wie aus den Akten ersichtlich ist, gelang es der Stasi, auf dem Speichersdorfer Flugplatz den Informellen Mitarbeiter "Hans" einzuschleusen, der inzwischen verstorben ist. Auch in Creußen wohnte ein Spitzel, der das Umfeld Vogtmanns ausspähte. Ein weiterer Agent (Tarnname "Becker") reiste am 10. August 1980 mit seinem Mercedes zum Flughafen Speichersdorf, um dort "Aufklärungsmaßnahmen zu erfüllen". Der Schlapphut fuhr auch nach Creußen, um Vogtmanns Wohnhaus zu fotografieren. Die Ergebnisse waren dürftig und glänzten durch Zeilenschinderei. Vogtmann meint heute wenig schmeichelhaft: "Die haben viel Papier produziert, diese Arschgeigen."

 


Hans Vogtmann
(links) und der amerikanische  Hubschrauber- 
pilot Jim Hill bei einem Treffen 1996 in Oklahoma City.

 


Der Ausriss eines Berichtes, den ein Stasi-Mitarbeiter mit Tarnnamen "Becker" im August 1980 über den Flughafen Speichersdorf erstellte. Das Dokument, von Hans Vogtmann zur Verfügung gestellt, trägt den Stempel der Gauck-Behörde.

 

Quelle: Nordbayerischer Kurier, Redakteur Peter Engelbrecht, RNT - Ausgabe: Samstag 24.02.2001

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Letzte Änderung: 21.09.2010